Eine aktuelle Langzeitstudie liefert neue Erkenntnisse zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (RMS) mit dem Antikörper Ocrelizumab. Beobachtungen aus den OPERA I und II Studien zeigen, dass eine frühe Behandlung die Krankheitsaktivität langfristig senken und vor fortschreitender Einschränkung schützen kann.
Bei der RMS handelt es sich um die schubförmige Verlaufsform der Multiplen Sklerose (MS), einer chronischen Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Dabei greift das fehlgeleitete Immunsystem Strukturen in Gehirn und Rückenmark an und verursacht dort Entzündungen und Nervenschäden. Die Erkrankung äußert sich häufig durch Sehstörungen, Gefühlsstörungen, Muskelschwäche und langfristige Gehstörungen. Durch die zunehmenden Schädigungen kann die MS im Verlauf zu dauerhaften Bewegungseinschränkungen führen.
In der Therapie der MS kommen unter anderem Antikörper wie Ocrelizumab zum Einsatz. Ocrelizumab erkennt das Oberflächenmolekül CD20 auf bestimmten B-Zellen, die als Immunzellen eine wichtige Rolle bei den entzündlichen Prozessen der MS spielen, und greift diese an. Die Reduktion der B-Zellen führt in MRT-Untersuchungen zu einer nahezu vollständigen Unterdrückung akuter Entzündungsherde sowie zur Verbesserung chronischer Gewebeschäden.
Im Rahmen der Studie erhielten RMS-Patienten zwei Jahre lang entweder Infusionen mit Ocrelizumab oder Injektionen mit Interferon beta-1a, einem Medikament, das regulierend auf das Immunsystem wirkt und Entzündungsprozesse bremst. Anschließend erhielten alle Patienten über acht weitere Jahre hinweg Ocrelizumab. Von anfänglich 1.656 Teilnehmenden schlossen 853 die kompletten 10 Jahre der Beobachtung vollständig ab.
Es zeigte sich, dass insbesondere diejenigen Patienten profitierten, die von Anfang an mit Ocrelizumab behandelt wurden. Das Fortschreitungsrisiko der körperlichen Einschränkungen war bei ihnen 24 % niedriger als bei Patienten, die erst nach zwei Jahren zu Ocrelizumab wechselten. Zudem sank bei ihnen das Risiko, auf eine Gehhilfe angewiesen zu sein, deutlich. Auch die Zahl der Krankheitsschübe nahm unter der durchgehenden Behandlung mit Ocrelizumab deutlich ab. Insgesamt blieben 73 % der Behandelten in den 10 Jahren vollständig schubfrei. Der MS-bedingte Verlust an Gehirnmasse konnte ebenfalls so weit verlangsamt werden, dass er sich im Verlauf an die normale altersbedingte Veränderung gesunder Menschen anglich.
Die Studie belegt zudem die gute Verträglichkeit von Ocrelizumab bei langfristiger Anwendung. Die Zahl an schwerwiegenden Nebenwirkungen, wie z.B. schwere Infektionen, blieb über den gesamten Behandlungszeitraum stabil. Bei 24 % der Patienten kam es bei der ersten Infusion zu Infusionsreaktionen wie Juckreiz und Hautausschlag, die bei den Folgedosen jedoch deutlich abnahmen. Auch die Häufigkeit von Krebserkrankungen nahm mit der Behandlung nicht zu und entsprach den Vergleichswerten in der allgemeinen Bevölkerung.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass ein frühzeitiger und konsequenter Einsatz von Ocrelizumab die Krankheitsaktivität bei RMS langfristig bremsen und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann. Sie unterstreichen zudem die Wichtigkeit eines raschen Therapiebeginns, mit dem das Nervensystem bereits früh geschützt und die Körperfunktionen langfristig erhalten werden können.
Quelle: https://jamanetwork.com/journals/jamaneurology/fullarticle/2854792