In einer neuen Studie werteten Forschende einen riesigen Datensatz mit Daten aus über 30 Jahren und 204 Ländern aus, um die globale Verbreitung von sieben verschiedenen Autoimmunerkrankungen zu untersuchen und Prognosen für die zukünftige Entwicklung aufzustellen.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass sich die weltweite Häufigkeit dieser Erkrankungen zwischen 1990 und 2021 fast verdoppelt hat. Insbesondere in Entwicklungsländern konnte ein massiver Anstieg der Krankheitshäufigkeit beobachtet werden. Dies führen die Forschenden auf den wirtschaftlichen Wandel, veränderte Lebensstile wie Bewegungsmangel und Ernährung sowie auf verbesserte diagnostische Möglichkeiten zurück.
Das höchste geografische Gesamtrisiko für eine Autoimmunerkrankung variiert je nach Erkrankung und Alter. Während entzündliche Darmerkrankungen („inflammatory bowel disease“, IBD) und Multiple Sklerose (MS) in Amerika am häufigsten auftraten, verzeichnete Südostasien die höchste Krankheitsrate von Schuppenflechte, Rheumatoider Arthritis (RA), Rheumatischem Herzfieber (RHD) und Alopecia areata (AA). Der östliche Mittelmeerraum hingegen zeigte die höchste Belastung durch Typ-1-Diabetes (T1D). Europa gehörte zusammen mit Afrika zu den Regionen mit der größten Krankheitsrate von Autoimmunerkrankungen bei Kindern. Insbesondere T1D und MS traten in einem Alter von 0 bis 9 Jahren überdurchschnittlich oft auf.
Neben Faktoren wie Umwelteinflüssen, Wirtschaft und Gesundheitssystem scheinen auch die Sexualhormone eine wichtige Rolle zu spielen. Die Forschenden fanden heraus, dass insbesondere Frauen im gebärfähigen Alter ein deutlich erhöhtes Risiko für Autoimmunerkrankungen haben. Dies wird auf die immunstimulierende Wirkung des weiblichen Sexualhormons Östrogen zurückgeführt. Im Gegensatz dazu scheinen männliche Hormone wie Testosteron eher eine schützende, unterdrückende Wirkung auf das Immunsystem auszuüben. Eine Ausnahme bildet der Typ-1-Diabetes, der Männer über alle Altersstufen hinweg häufiger betrifft. Er ist gleichzeitig die Autoimmunerkrankung mit der weltweit am stärksten gestiegenen Krankheitsrate.
Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, eine Autoimmunerkrankung zu entwickeln, insgesamt betrachtet über die Jahre gestiegen ist, gibt es auch Ausnahmen. Sowohl bei entzündlichen Darmerkrankungen als auch bei Multipler Sklerose und der Schuppenflechte konnten die Forschenden in Relation zum Alter einen leichten globalen Rückgang des Krankheitsrisikos beobachten. Laut Forscherteam sei dies das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus sozioökonomischem Wandel, veränderten Umwelteinflüssen und biologischen Besonderheiten der jeweiligen Krankheit.
Neben dem Blick in die Vergangenheit geht die Studie sogar noch einen Schritt weiter. Mithilfe von komplexen statistischen Berechnungen stellten die Forschenden Prognosen für die zukünftige Entwicklung bis in das Jahr 2050 auf. Sie sagen voraus, dass die Häufigkeit von Autoimmunerkrankungen weltweit von 2022 bis etwa 2032 zunächst weiter ansteigen wird. Interessanterweise wird nach diesem Höhepunkt ein schrittweiser Rückgang oder eine Stabilisierung der Krankheitshäufigkeit erwartet. Lediglich für den Typ-1-Diabetes prognostiziert das mathematische Modell einen kontinuierlichen Anstieg bis zum Jahr 2050. Doch selbst wenn die Häufigkeit von Autoimmunerkrankungen mit der Zeit sinken oder stabil bleiben sollte, müsse man laut den Forschenden in der Zukunft mit einer erheblichen Belastung für das Gesundheitssystem rechnen.